Vorab sei zu erwähnen, daß wir kaum eine Ahnung von den russischen Pferderassen hatten.
Bei dem Händler angelangt, suchte ich nach einem dunklen Apfelschimmel, der möglichst auch später noch seine Farbe behalten würde. Die Schimmel (Orlow-Traber), die dort zum Verkauf standen, waren mir alle viel zu groß und meinem Mann gefielen sie schon garnicht. Auch die anderen Pferde sagten mir nicht zu und schon begann sich in mir leise die Enttäuschung auszubreiten.
Ich wollte bereits den Stall verlassen, als mein Mann mich zurückrief. "Hast Du eigentlich das Pferd ganz hinten in dem letzten Ständer gesehen. Der hat auch eine ganz witzige Farbe? Es muß doch nicht unbedingt ein Schimmel sein, Hauptsache für Dich ist doch eigentlich eine ausgefallene Farbe."
Nein, ich hatte ihn vor Enttäuschung über die Schimmel garnicht beachtet, also wand ich mich um und betrat nochmals den Stall. Ja, die Farbe war witzig, wenn nicht sogar undefinierbar. - Erst viel später in Verbindung mit der deutschen Übersetzung der Farben von Western-Pferden wurde mir die Bezeichnung Dunkelfalbe geläufig. -
Erst als ich vorsichtig den Ständer betrat, wand mir das Pferd den Kopf zu. Es war Liebe auf den ersten Blick. Riesengroße Augen sahen mich vertrauensvoll aus einem überaus freundlichen Gesicht an.Den Rest fand ich viel zu schmal und zu knochig. Doch die Hufe waren in einem einwandfreien Zustand und er ließ sie sich auch ohne Probleme von mir anheben. Dann trat der Reitlehrer, der sich auch mit dem Verkauf der Pferde beschäftigte hinzu. Er verriet uns seinen Namen, "Krim", und seine Rasse "Anglo-Achal-Tekkiner". Von dieser Rasse hatte ich noch nie etwas gehört. Erst als er uns einige Informationen über die Achal-Tekkiner verriet, wurde verständlich, daß dieses Pferd so schmal und knochig gebaut war. Schließlich stammt er von den "Windhunden unter den Pferden" ab. Krim wurde also aus seinem Ständer geführt, damit ich seine Gänge bewundern konnte. Diese waren sehr schwungvoll und schon beim Führen konnte man einen gewissen Vorwärtsdrang bemerken. Also wurde ein Termin zum Probereiten vereinbart.
Als wir zu diesem Termin erschienen, wurde "Krim" bereits von einer Reitschülerin in der Halle bewegt, und das was ich dort sah, gefiel mir ganz und gar nicht. "Krim" ging überaus steif und schlug extrem im Kreuz. Seine Schritte erschienen abgehackt ohne jegliche Harmonie.
Dieses Mal sollte es mir nicht wieder passieren, daß ich ein Pferd nur aufgrund seines Aussehens kaufen würde.
Sehr skeptisch stieg ich auf.
Das bildete ich mir doch bloß ein. Schwungvollen Schrittes folgte "Krim" dem Hufschlag. Ich bemerkte nichts von der Steifheit, die ich vorher gesehen hatte. Munter ging er vorwärts und hörte aufmerksam auf meine Hilfen. Das war genau mein Pferd.
Zu diesem Zeitpunkt war mein Traumpferd noch ein Hengst. Ich hätte es gern dabei belassen, da er selbst in der Halle mit jeder Menge anderer Pferde darin keinerlei Hengstmanieren zeigte. Doch mein Vater hatte zur Bedingung des Darlehns bestimmt, daß ich mir nur eine Stute oder einen Wallach kaufen dürfe. So mußte "Krim" vor seinem Umzug zu uns nach Hause erst kastriert werden. Dieses geschah dann auch.
Glücklicherweise befand sich meine Arbeitsstätte nur wenige Meter von dem Händler entfernt, so daß ich jede freie Minute bei meinem Pferd, das sich erst erholen mußte, verbrachte. Bereits am zweiten Tag begrüßte er mich mit einem leisen tiefen Wiehern und dieses tut er auch heute noch. Sicher, es gab auch ein paar Probleme mit meinem "Teddybär" - wer ihn in senem ersten Winterfell gesehen hätte, hätte ihn auch so genannt -. Es stellte sich nämlich heraus, daß er in Russland auf der Rennbahn trainiert worden war. So gestaltete sich anfangs jede Galoppade als eine kaum kontrollierbare Raserei, so daß mir auf seinem Rücken hören und sehen verging.
Erst nach vier Jahren verlor sich diese Eigenheit zum größten Teil.
Ansonsten ist er das ideale Geländepferd mit Nerven wie Stahlseilen. Bis er mal vor etwas scheut, muß wirklich etwas ganz außergewöhnliches passieren, aber welches Tier mag schon Silvesterraketen.
Mit seinen starken Nerven und seinem Gehorsam, trotz seines überschäumenden Temperaments, hat er mich bisher für alle Unbillen der Pony-Reiterei:
- Djin: jedes Berghinunter bedeutet Durchgehen mit Verlust des Reiters;
- Pronto: Steigen und Hinwerfen, zu Stuten weglaufen;
- Nizaar: scheuen, wenn man nicht aufpaßt; Steigen und Richtung wechseln. in die man eigentlich gar nicht wollte
entschädigt.
Auch hat er mich wieder mit dem Großpferd an sich versöhnt.